Im Herzen der Walachei

Irgendwo im Nirgendwo: Im Deutschen ist die Walachei Synonym für eine ent­legene, verlassene Landschaft. Doch es gibt sie wirklich. Die Walachei liegt im Süden Rumäniens und fasziniert mit einer zum Teil noch unberührten Natur, hohen Bergen und sanften Hügellandschaften, Wanderparadiesen und länd­licher Bilderbuchidylle, verträumten mittelalterlichen Städten und einer bewegten Geschichte. In der walachischen Stadt Pitești ist Röchling Automotive mit einem Standort vertreten.

Pitești

Einwohner
168.000

Kreis
Argeș

Historische Region
Große Walachei

Fluss
Argeș

Fläche
41 km2

Stadtgründung
Pitești wurde am 20. Mai 1388 erstmals urkundlich erwähnt. Damit gehört die Stadt zu den ältesten Siedlungen der Walachei. Von 1512 bis 1521 errichtete Neagoe Basarab, Herr der Walachei, in Pitești eine Fürstenresidenz. Trotzdem entwickelte sich die Stadt zunächst nur langsam. In der zweiten Hälfte des ­­19. Jahrhunderts setzte eine industrielle Entwicklung ein, die durch die Vereinigung der Fürstentümer Walachei und Moldau zu Rumänien 1859 und durch die Anbindung an das Eisenbahnnetz 1872 befördert wurde.

Massentourismus ist in der Walachei ein Fremdwort – der Besucher ist ein geschätzter Gast. Auch internationale Firmen sind seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989, als Rumänien noch wirtschaftliches Schlusslicht in Europa war, gern im Land gesehen. Zahlreiche Unternehmen haben in den vergangenen Jahren Standorte in dieser Gegend aufgebaut. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Löhne und Gehälter sind im Vergleich zum westlichen Europa noch immer niedrig. Zugleich ist das Bildungs­niveau vielerorts gut. Auch die Infrastruktur ist in wesentlichen Teilen ordentlich ausgebaut. Rumänien hat in den vergangenen Jahren ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen. 2018 lag es bei stolzen 4,9 Prozent. Dazu tragen rumänische Unternehmen wie der Automobilhersteller Dacia bei, der zwei Werke in Pitești und Umgebung unterhält. Aber auch viele internationale Unternehmen sind in der Region stark vertreten, wie beispielsweise Bosch, Siemens, Daimler, Ford, Dräxelmeier, Faurecia oder Continental. Und auch Röchling Automotive hat seit 2011 in Pitești einen Produktions­standort, der bereits zweimal erweitert wurde.

Pitești liegt am Fuß der Südkarpaten und ist eine Industriestadt, die vor allem in der kommunistischen Ära ab 1947 gewachsen ist. Viele Gebäude erinnern auch heute noch an diese Zeit. Herzstück der Stadt ist die Victoria- Straße, die 2008 zur Fußgängerzone umgestaltet wurde. Im selben Jahr trat auf dem Rathausplatz der Musikalische Brunnen erstmals in Aktion: An den Abenden am Wochenende schauen sich seither Einheimische und Besucher gleichermaßen das Zusammenspiel von Klang und buntem Licht gerne an. Älteste Kirche der Stadt ist die 1656 gebaute St.-Georg-Kathedrale. Das Kreis­museum Argeș beherbergt bedeutende archäologische Funde, und auch die Kunstgalerie lohnt einen Besuch. Der Trivale-Park von Pitești ist mit 7.000 Hektar der größte Naturpark Rumäniens und schon seit 1939 ein Naturdenkmal. Hier lässt es sich auch bestens joggen.

Internationale Küche, regionaler Wein
Aufgrund der internationalen Unternehmen, die sich in Pitești und Umgebung angesiedelt haben, trifft man in der Stadt immer wieder Franzosen, Deutsche oder Italiener. Auch die Gastronomie trägt dem Rechnung: Mehrere Restaurants bieten italienische, asiatische oder andere internationale Küche. Zu den besten und den beliebtesten zählt der Garden Pub mitten im Zentrum. Ausgeschenkt wird in den Restaurants auch Wein aus rumänischen Anbaugebieten, wie etwa der Walachei.

Rund um Pitești gibt es eine Reihe von Sehenswürdigkeiten, die sich gut auf einer kleinen Rundreise besichtigen lassen. Sie führt mitten durch das Herz der Walachei, die Anfang des 14. Jahrhunderts als eigenständiger Staat gegründet wurde. Kaum hatte sich damals das Land von der ungarischen Herrschaft befreit, meldeten die Türken Hoheitsansprüche an. Dem wohl bekanntesten Herrscher der Walachei, Fürst Vlad Țepeș, gelang es Mitte des 15. Jahrhunderts, die Osmanen zurückzudrängen und das Herrschaftsgebiet der Walachei auszudehnen. Der Fürst hatte den Beinamen „der Pfähler“ (Țepeș), weil er Zehntausende türkische Gefangene bei lebendigem Leib auf einen Pfahl spießen ließ – eine damals europaweit übliche, grausame und blutige Hinrichtungsmethode. In Rumänien gilt der Fürst dennoch eher als tapferer Kämpfer und gerechter Herrscher denn als Schreckensfigur. Sein Vater war Mitglied des mittelalterlichen Drachenordens – Vlad Țepeș führte daher noch einen zweiten Beinamen: Drăculea, was so viel bedeutet wie Sohn des Drachens.

Wer jetzt noch hört, dass der Fürst aus Transsilvanien stammte – der Region, die auf Deutsch Siebenbürgen heißt und direkt an die Walachei grenzt – kann eins und eins zusammenzählen: Fürst Vlad soll den irischen Schriftsteller Bram Stoker zu dessen 1897 veröffentlichten Schauerroman „Dracula“ inspiriert haben. Einem breiten Publikum wurde die blutsaugende Vampirfigur vor allem durch die zahlreichen Verfilmungen bekannt. Ob Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ aus dem Jahr 1922, Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ 1967, Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ von 1979 mit Klaus Kinski oder Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ von 1992 – in allen Filmen verlassen die Untoten nachts ihre Gräber, um sich auf die Jagd nach menschlichem Blut zu machen. Wer durch die Walachei und Siebenbürgen reist, kommt vor allen Dingen tagsüber an Graf Dracula und seiner touristischen Vermarktung kaum vorbei.

Die alten Stadtmauern von Târgoviște (l.) mit dem Wachturm, von dem aus abends das Schließen der Tore verkündet wurde.

Schloss Peleș (r.) bei Sinaia war früher Sommerresidenz der rumänischen Königsfamilie und ist heute Besuchermagnet.

Krönungsstadt des Fürsten
Etwa 70 Kilometer sind es von Pitești nach Târgoviște, einer beschaulichen Stadt in den Hügeln am Fuß der Karpaten. Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert war sie, zusammen mit Bukarest, die Hauptstadt der Walachei. In Târgoviște wurde Fürst Vlad gekrönt. Auch wenn die Stadt ihre Bedeutung als politisches Zentrum des Landes in den vergangenen Jahrhunderten verloren hat, so hat sie den Charme einer ehemaligen Residenzstadt dennoch behalten. Vom alten Fürstenpalast sind mitten in der Stadt die Ruinen zu sehen. Der Komplex umfasst den ehemaligen Fürstenhof, die aus roten Ziegeln gebaute fürstliche Kirche, einen alten zylindrischen Wachturm und das Buchdruckmuseum. Knapp 30 Jahre ist es her, dass in Târgoviște Nicolae und Elena Ceaușescu hingerichtet wurden. Der ehemalige Diktator Rumäniens und seine Frau wurden in der dortigen Militärgarnison vor ein Schnellgericht gestellt und am 25. Dezember 1989 standrechtlich erschossen.

Von Târgoviște geht es weiter durch eine malerische Landschaft in Richtung Norden ins knapp 70 Kilometer entfernte Sinaia. Das dortige orthodoxe Kloster wurde im 17. Jahrhundert von einer wohlhabenden Adelsfamilie erbaut. Zu besichtigen sind beindruckende Fresken aus dem 18. Jahrhundert. Carol I., der erste König Rumäniens, erweiterte den Klosterkomplex im 19. Jahrhundert mit einer prachtvollen Kirche. Hinter Carol I. verbirgt sich Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen. Er führte die beiden unter dem Namen Rumänien vereinten Fürstentümer Walachei und Moldau 1877 in die Unabhängigkeit. 1881 wurde er zum rumänischen König gekrönt. In seiner Regierungszeit brachte Carol I. das Land wirtschaftlich voran. Er verbesserte die Infrastruktur und lies Eisenbahnlinien und Brücken bauen. Das Finanz- und Schulwesen wurden reformiert, das Heer wurde nach preußischem Vorbild modernisiert. In einem grünen Tal bei Sinaia ließ er mit Schloss Peleș eine Sommerresidenz erbauen, die heute eine der am meisten besuchten Sehenswürdigkeiten Rumäniens ist. Sinaia entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert zu einem mondänen Kurort des Adels und der Reichen.

Nördlich von Sinaia liegt der bergige Nationalpark ­Bucegi. Das Naturschutzgebiet mit seinen außergewöhnlichen Felsformationen beheimatet mehr als 130 Vogelarten, darunter Steinadler, Kaiseradler, Mönchsgeier und Alpenbraunelle. Für Bergsteiger und gute Kletterer sind besonders die steilen Felsen des Gebirges interessant. Aber auch leichte ­Wanderungen können in den Ausläufern der Karpaten auf dem Programm stehen. Auf stillen, einsamen Wanderungen geht es dann durch dunkle Wälder die Berge hinauf. Die Gipfel der Karpaten sind mit etwas über 2.500 Metern nicht so hoch wie die der Alpen. Doch die raue Schönheit dieser Gegend und ihre Naturbelassenheit machen sie besonders anziehend. Hinzu kommen eine reichhaltige Flora und Fauna. Mehr als 1.300, nicht zuletzt alpine Pflanzen­arten erfreuen jeden Pflanzenfreund. In den unberührten, vom Menschen kaum veränderten Wäldern sind zahlreiche Vogelarten, aber auch Braunbären, Wölfe und Luchse zuhause. Vor ihnen müssen sich Karpatenhirsche, Auerhähne und Gämsen in Acht nehmen. Der Stein­adler zieht zwischen den Berggipfeln der Karpaten seine Kreise. An vielen Orten ist auch Wintersport möglich, denn die Karpaten sind nicht nur hoch, sondern auch schneesicher.

Burg Bran als Zentrum des Vampir-Tourismus
Am Rande des Nationalparks Bucegi liegt eine der schönsten mittelalterlichen Burgen Rumäniens: Bran, die ehemalige militärische Festung, wurde 1377 von den Einwohnern der Stadt Brașov auf einem hohen Felsen gebaut, um von hier die wichtigste Handelsstraße zwischen der Walachei und Siebenbürgen zu überblicken und die mittelalterliche Grenze zwischen den beiden Ländern zu verteidigen. Die Burg hat sich in den vergangenen Jahren zum Zentrum des Vampir-Tourismus in Transsilvanien entwickelt. Zumindest den Beschreibungen nach könnte Bram Stoker von diesem Ort für seinen Dracula-Roman inspiriert worden sein. Unter Historikern ist jedoch umstritten, ob der als literarisches Vorbild für Dracula geltende Fürst Vlad je in dem Schloss geschlafen hat. Belegt ist nur, dass der Fürst während seiner Feldzüge im 15. Jahrhundert durch diese Gegend zog.

Die Burg erlebte eine Blütezeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die königliche Familie Rumäniens das Anwesen restaurierte und als Sommerresidenz nutzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Burg in staatliches Eigentum überführt, gehört heute aber wieder den Habsburgern und ist ein Museum, in dem vor allem Teppiche, Bilder und Einrichtungsgegenstände aus dem Fundus der Habsburger ausgestellt werden.

Brașov ist die Stadt zur Burg – und das Tor zu Sieben­bürgen. Der Name Siebenbürgen leitet sich von den vielen Burgen her, die Ritter und Bauern vom Rhein und von der Mosel vom 12. Jahrhundert an dort bauten. Neben Hermannstadt ist Brașov das wichtigste kulturelle Zen­trum der deutschsprachigen Minderheit der Sieben­bürger Sachsen, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein die Mehrheit der Bevölkerung in Transsilvanien bildeten. Kronstadt, wie Brașov auf Deutsch heißt, hat 300.000 Einwohner und wurde im 13. Jahrhundert von den deutschen Siedlern gegründet. Wahrzeichen der Stadt ist die protestantische Schwarze Kirche, die mitten in der Altstadt liegt. Von dort aus wurde der Protestantismus unter den Siebenbürger Sachsen verbreitet. Ihren Namen bekam die Kirche, die die größte gotische Kathedrale Südosteuropas ist, 1689 nach einem Großbrand, der die Mauern schwärzte. Ältestes Gebäude der Stadt ist die St.-Bartholomäus-Kirche aus dem Jahr 1234. Der Wintersport­ort Poiana Braşov ist zwölf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und bietet sehr gute und vielfäl­tige Wintersportmöglichkeiten.

Bevor es zurück nach Pitești geht, lohnt ein Abstecher nach Curtea de Argeș, der ehemaligen Hauptstadt der Walachei. In der dortigen Kathedrale liegen fast alle rumänischen Könige begraben, darunter auch die Hohenzollernmonarchen. Die 1526 fertiggestellte Kathedrale ist Teil des orthodoxen Klosters, das als eines der schönsten in Osteuropa gilt. Es ist ein Paradebeispiel byzantinischer Baukunst und liegt inmitten eines historischen Parks, circa einen Kilometer außerhalb von Curtea de Argeș. In seinem Inneren zeigt es auch arabische und persische Einflüsse, die ihm eine einzigartige Note verleihen.

Wer länger in Pitești bleibt, kann von dort aus Sibiu besuchen, mit deutschem Namen Hermannstadt. 2007 war Sibiu Kulturhauptstadt Europas. Aus diesem Anlass wurden Teile der Altstadt renoviert, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Sibiu beeindruckt den Besucher mit seinen uralten und verwinkelten Gassen und zahlreichen historischen Gebäuden.

Auch in die 120 Kilometer entfernte Hauptstadt Bukarest fährt man von Pitești aus über die Autobahn nur eine Stunde. Und wer noch mehr Zeit mitbringt, macht einen Ausflug ans Schwarze Meer. Breite, zum Teil naturbelassene Strände, belebte Badeorte und das weltweit einmalige Biosphärenreservat Donaudelta machen diese Küste sowohl für Badeurlauber als auch für ruhesuchende Naturliebhaber zum Erlebnis.

Röchling in Rumänien

Röchling Automotive ist seit 2011 mit einem Standort in Rumänien vertreten. In diesem Jahr startete der Bau eines Produktionswerks in Pitești, 2012 begann die Fertigung. Zunächst wurden vor allem Kühlergrills, Deflektorhauben und Radhäuser für Ford hergestellt. Aber auch mehrere rumänische Renault-Werke wurden schon damals von Pitești aus beliefert. Von Beginn an war dies ein großer Vorteil des Standorts: Viele internationale Automobilhersteller unterhalten Produktionsstätten in Mittel- und Osteuropa. Volkswagen, Ford, Daimler und Renault/Dacia produzieren in naher Umgebung und werden alle vom Röchling-Werk in Pitești beliefert.

In den Anfängen waren 45 Mitarbeiter beschäftigt, die Gesamtfläche des Werks betrug 5.500 Quadratmeter, bestückt mit modernen Spritzgussmaschinen sowie Montage- und Prüfanlagen. Schon 2014 erfolgte der erste Ausbau: Das Werk wurde um 1.600 Quadratmeter erweitert. Im Juni 2018 feierte das Röchling-Management dann gemeinsam mit Mitarbeitern und Vertretern aus Politik und Automobilwirtschaft die zweite Erweiterung des Standorts: Auf einer Gesamtfläche von 16.100 Quadratmetern beschäftigt Röchling Automotive nun insgesamt 182 Mitarbeiter für die Fertigung vor allem von aktiv steuerbaren Luftklappen und SCR-Abgasnachbehandlungs- und -Befüllsystemen.

Darüber hinaus werden am Standort Windläufe, kompakte und leichtgewichtige Saugrohr- und Luftfiltersysteme von Röchling Automotive sowie verschiedene Gehäusebauteile und Präzisionskomponenten von Röchling­­­ Precision Components produziert. Errecinque, italienischer Joint-Venture-Partner von Röchling Automotive, stellt am Standort verschiedene Leitungen her. „Mit unserer erweiterten Fertigungsstätte können wir die gestiegene Nachfrage nach unseren innovativen, kraftstoffsparenden und emissionsreduzierenden Technologien erfüllen und unsere Kunden vor Ort mit lokaler Produktion bestens unterstützen“, sagt Werkleiter Paolo Castoldi.

 
 

Christiane Müller

Freelance Journalist

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