„Der Kunde rückt noch stärker in unseren Fokus“

Die Röchling-Gruppe macht sich fit für das dritte Jahrhundert ihres Bestehens. Das Röchling magazine sprach mit dem Vorstands­vorsitzenden Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel darüber, was das in Zeiten der digitalen Transformation, eines schwächer werdenden Welthandels und einer bedrohten Umwelt genau bedeutet.

Professor Knaebel, die Röchling-Gruppe verfolgt seit Jahren eine Wachstumsstrategie und hat sich in Sachen Umsatz, Gewinn und Profitabilität sehr gut entwickelt. Wie sieht es aktuell aus?
Im Jahr 2018 hat die Röchling-Gruppe den Umsatz um mehr als 16 Prozent auf 2,14 Milliarden Euro steigern können. Dieser Umsatzsteigerung liegt eine außerordentlich starke Leistung unserer drei Unternehmensbereiche zugrunde. Die haben die vorliegenden Kundenbestellungen und neu anlaufenden Projekte mit großer Anstrengung bewältigt. Für diese außerordentliche Leistung gebührt allen Mitgliedern der mehr als 11.000-köpfigen Röchling-Familie mein allergrößter Respekt und insbesondere großer Dank für ihren Einsatz.

Im gleichen Zuge haben wir unsere Profitabilitätsziele nicht in vollem Umfang erreichen können, denn insbesondere im Automotive-Bereich hat die aktuelle Vola­tilität des Marktes sich auch bei uns in den Ergebnissen niedergeschlagen. Dies spornt uns allerdings zusätzlich an, es im Jahr 2019 noch besser zu machen.

Resultiert aus den Zahlen des Jahres 2018 die Not­wendigkeit zu grundlegenden Veränderungen?
Wenn Sie auf die Kennzahlen eines Unternehmens blicken, stellt sich immer die Frage, was die eigentliche Story hinter den Zahlen ist. Das heißt, dass man sich kontinuierlich Gedanken macht, warum man dieses Ergebnis erzielt hat, egal ob positiv oder negativ, und welche Konsequenzen hieraus abzuleiten sind.

Seit fast 200 Jahren ist Röchling ein Unternehmen in Transformation, und schon deshalb haben wir auch für die Zukunft sehr viele Ideen, was wir besser, anders oder auch ganz neu machen könnten. Eines ist jedoch ebenso klar: Röchling ist ein Unternehmen der kunststoffproduzierenden und kunststoffverarbeitenden Industrie und wird es auch zukünftig bleiben.

Allerdings muss im gleichen Zuge auch erwähnt werden, dass sich die industrielle Landschaft durch externe Einflüsse gerade in erheblichem Umfang verändert. Dies führt dazu, dass wir uns gegenwärtig in der Tat sehr grundlegende Gedanken über die Zukunft des Unternehmens machen, denn diese industriellen Veränderungen müssen adäquat beantwortet werden.

Neue Anforderungen brauchen also neue Lösungen. Oder, wie es der amerikanische Ökonom Marshall Goldsmith formuliert hat: „What got you here won’t get you there“, was sinngemäß bedeutet, dass die Erfolgs­rezepte der Vergangenheit nicht notwendigerweise auch die Erfolgsrezepte der Zukunft sind. Dies stimuliert uns, die Röchling-Gruppe fit für das dritte Jahrhundert ihres Bestehens zu machen.

Röchling positioniert sich verstärkt als Systemlösungsanbieter. Gilt das für alle drei Unternehmensbereiche gleichermaßen?
Seit vielen Jahrzehnten stellt Röchling Kunststoffe her und verarbeitet diese für die unterschiedlichsten Industrien. Hierdurch ist ein außerordentlich großes Wissen rund um den Werkstoff Kunststoff entstanden. Wir sind davon überzeugt, dass wir diese Produktkenntnisse und das damit assoziierte Service-Know-how nutzenstiftend für den Kunden in die industrielle Wertschöpfungskette einbringen können. Und dies in allen Industrien.

Alle Unternehmensbereiche treten verstärkt als Systemlösungsanbieter auf und werden für die Kunden mehr Nutzen und Wert stiften. Gleichzeitig ist dadurch das Unternehmen gefordert, sich weitere neue Kompetenzen aufzubauen oder die vorhandenen zu erweitern, wie zum Beispiel Ingenieurdienstleistungen in der Entwicklungsphase oder regulatorische Kompetenzen.

„Alle Unternehmensbereiche treten verstärkt als Systemlösungsanbieter auf und werden für die Kunden mehr Nutzen und Wert stiften.“

Ist dies eine interne Strategieänderung, oder hat dies auch Auswirkung auf die Kunden?
Man kann dies nicht als echte Strategieänderung bezeichnen, denn das Wissen wurde ja über Jahrzehnte aufgebaut. Wir wollen es nur immer stärker zum Kundennutzen zur Anwendung bringen. Wenn wir nun unsere Kompetenzen als Systemlösungsanbieter bündeln, blicken wir intensiver auf die Wertschöpfungskette des Kunden. Der Kunde rückt mit seinen Anforderungen und Bedürfnissen in seinem Umfeld noch stärker in unseren Fokus. Dies ist nicht neu, aber die Intensität, mit der wir die Kundenbedürfnisse ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen, hat eine neue Dimension erreicht. Kurzum: Der Kunde und seine Bedürfnisse haben unsere volle Aufmerksamkeit.

Inwiefern kann die Digitalisierung einem Unternehmen dabei helfen, sich für den Kunden nahezu unverzichtbar zu machen?
Digitalisierung ist kein Selbstzweck, und so wird sie bei Röchling auch nicht betrieben. Vielmehr wollen wir mit den neuen digitalen Instrumenten Nutzen stiften. Nutzen für das Unternehmen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Arbeitsprozesse effektiver und effizienter zu gestalten. Im gleichen Zuge können wir die Digitalisierung ebenso einsetzen, um zusätzlichen Nutzen für die Kunden zu stiften. Dieser Mehrwert, wenn vom Kunden auch als solcher wahrgenommen, führt dazu, dass eine Arbeitsbeziehung enger und intensiver wird. Gerne würde ich in diesem Zusammenhang das Wort „unverzichtbar“ vermeiden, denn es gibt tatsächlich nur sehr wenige Dinge im Leben, die wirklich unverzichtbar sind. Und wir sind bei Röchling nicht mit einer solchen Hybris gesegnet, dass wir uns grundsätzlich für unverzichtbar halten.

Allerdings ist es unser täglicher Anspruch, die Instrumente der digitalen Transformation so einzusetzen, dass der Kunde auf den von uns gelieferten Mehrwert nicht mehr verzichten möchte.

Hat Röchling hier schon etwas vorzuweisen? Nennen Sie uns doch bitte ein paar Beispiele.
Wir unterteilen die digitale Transformation in die vier Bereiche Smart Production, Smart Administration, Smart Products und Smart Sales. In all diesen Bereichen arbeiten wir mit großen Anstrengungen daran, das Unternehmen weiterzubringen. Wir haben in unseren drei Unternehmensbereichen voll vernetzte Fertigungsein­heiten, deren Module wir auf andere Fertigungsstandorte ausweiten. Im Bereich der Unternehmensverwaltung prüfen wir sehr intensiv, welche Prozesse sich gezielt automatisieren lassen, um Mitarbeiter von eintöniger Arbeit zu entlasten und gleichzeitig Freiraum für andere Aktivitäten zu schaffen. Wir wenden neue Technologien an, wie beispielsweise Sensoren mit damit verbundenem Datenmanagement, um die Produkte intelligenter, vorausschauender und sicherer zu machen. Hier könnte man Aerodynamik-Komponenten am Auto nennen, die sich auf Umgebungseinflüsse neu einstellen und somit den Kraftstoffverbrauch und CO2-Emissionen reduzieren. Oder intelligente Pharmaverpackungen, die den Patienten bei der Dosierung unterstützen und so eine Fehlbehandlung vermeiden. Letztendlich erkunden wir auch kontinuierlich neue Vertriebswege und haben beispielsweise 2018 einen Teil unseres Portfolios auf einer digitalen Handelsplattform eingestellt, um unseren Kunden die Bestellung von Standardprodukten zu erleichtern und somit die Prozesse der Lieferkette zu beschleunigen.

Wir haben noch eine ganze Reihe mehr in unserem ­Entwicklungsportfolio.

„Wir wenden neue Technologien an, wie beispielsweise Sensoren mit damit verbundenem Datenmanagement, um die Produkte intelligenter, vorausschauender und sicherer zu machen.“

Sie sind im Vorstand für den Unternehmensbereich Medical verantwortlich. Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden, die dieser Bereich seit Ihrem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren genommen hat?
Bei meinem Amtsantritt hatten wir drei relativ isoliert operierende Standorte in Brensbach, Neuhaus und­ ­Rochester, New York. Inzwischen haben wir sechs Standorte. Zwei davon – Lancaster in Pennsylvania und Waldachtal im Schwarzwald – haben wir akquiriert, den Standort im chinesischen Suzhou haben wir selbst aufgebaut. Alle diese Standorte verfügen über ein sich sehr gut ergänzendes technologisches Kompetenzprofil und ausgewogene Kundenstrukturen. Darüber hinaus hat sich die Zusammenarbeit der Standorte extrem positiv weiterentwickelt. Der Mehrwert, den wir unseren Kunden als global aufgestellter Zulieferer in der Medizin heute liefern können, ist stark gestiegen.

Mit der bisherigen Entwicklung bin ich sehr ­zufrieden. Und ich bin stolz, mit einem großartigen Team zusammen­­arbeiten zu können. Wir sind für weiteres Wachstum gut gerüstet.

Wohin geht die Reise in der Medizin?
Die Medizin folgt seit Jahren einigen wesentlichen Trends, die auch unser Handeln stark beeinflussen. Der Trend zur Minimalisierung wird voranschreiten. Das bedeutet, dass der therapeutische Effekt für den Patienten mit minimalinvasiven Verfahren und dadurch mit geringerem Zugangstrauma erzielt werden soll. Dann gibt es den Trend zur Personalisierung oder Individualisierung. Der Patient erhält aufgrund immer spezifischerer Diagnostik ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Therapieangebot. Weiterhin ist ein verstärktes Streben nach immer moderneren Materialien und Biomaterialien zu erkennen. In vielen Bereichen der Medizin werden die vielfältigen positiven Materialeigenschaften von Kunststoffen noch nicht ausreichend genutzt. Schließlich gibt es noch den Trend zur Biologisierung. Da werden traditionelle Materialien an die biologischen Anforderungen des Patienten angepasst, um sie nicht nur schonend in den Körper zu integrieren, sondern auch biologisch wirksam zu machen, wie beispielsweise bei der Abwehr einer Infektion.

An all diesen Trends arbeiten wir und bieten hierfür Lösungen an. Die Reise in der Medizin bleibt also spannend und aufregend. Wir freuen uns, dass wir dabei sein dürfen.

Die Fachleute senken ihre Wachstumsprognosen, die Stimmungsindikatoren weisen nach unten und der Welthandel entwickelt sich schwach: Auf was muss die Röchling-Gruppe als führender Anbieter von Technischen Kunststoffen vorbereitet sein? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
So banal diese Antwort auch klingen mag, für uns ist sie zentrale Triebfeder: Das Allerwichtigste ist, dass die Röchling-Gruppe wie in der Vergangenheit auch in der Zukunft Produkte anbietet, die der Kunde wirklich benötigt, die optimal in die Wertschöpfungskette zu integrieren sind und die einfach, rasch und in der gewünschten Qualität überall dort verfügbar sind, wo industrielle Wertschöpfung passiert. Wenn wir diese Prämisse auch in Zukunft beherzigen, dann werden wir, trotz aller Widrigkeiten, auch in Zukunft erfolgreich sein.

Im vergangenen Jahr ist die geopolitische Stabilität in vielen Regionen verlorengegangen. Diese Unsicherheiten führen auch dazu, dass sich der globale Welthandel nicht mehr ungestört entwickeln kann, und dies hat auch Einfluss auf unser Geschäft. Es bleibt uns allerdings nichts anderes übrig, als mit den Verhältnissen umzugehen, so wie wir sie vorfinden. Dementsprechend nehmen wir jede Herausforderung an, die an uns gestellt wird.

Aus diesem Grunde konzentrieren wir uns auch darauf, weiterhin unsere technologische Führungsposition zu verteidigen und auszubauen und für alle anderen Herausforderungen Lösungen zu finden. Um die Zukunft ist mir nicht bange.

„Wir haben eine große Wertschätzung für unsere Umwelt und verhalten uns dementsprechend.“

Beschäftigt Sie auch das Thema Nachhaltigkeit? Und was unternimmt Röchling in diesem Bereich?
Wir sehen, welche Umweltprobleme durch Kunststoff­abfälle verursacht werden, auch wenn wir keinerlei Produkte herstellen, die mit diesem Problem assoziiert werden. Wir verfolgen das Prinzip der „Zero-Waste-Production“, bei dem wir anstreben, sämtliche Produktionsabfälle wieder in den Wertschöpfungskreislauf einzubringen – wenn auch nicht in die gleiche Produktgruppe, so zumindest in andere Produkte. In vielen Fällen gelingt uns dies bereits exzellent. Dies ist allerdings nur ein Aspekt der Nachhaltigkeit, denn es geht natürlich darum, mit all unseren Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen.

Auch der Wertstoffkreislauf, von der Produktion bis zur Rücknahme mit Recycling, ist für uns in verschiedenen Projekten ein wesentliches Thema, denn wir wollen einem gesunden, nachhaltigen Wertstoffkreislauf ebenso Rechnung tragen wie den Kundenbedürfnissen. Darüber hinaus gibt es etliche weitere Projekte im Unternehmen, wie auch in der vom Unternehmen unabhängigen Röchling Stiftung, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmen, mit Fokus auf dem Werkstoff Kunststoff. Röchling hat knapp 200 Jahre sehr verantwortungsbewusst gehandelt und wird dies auch in Zukunft tun. Wir haben eine große Wertschätzung für unsere Umwelt und verhalten uns dementsprechend.