„Ideen für Wachstum gibt es ausreichend“

Die Röchling-Gruppe hat seit Anfang des Jahres mit Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Was bedeutet es für ihn, bei einem Familien­unternehmen tätig zu sein? Welche Ideen und Pläne hat er für die Weiterentwicklung der Gruppe, vor welchen Herausforderungen steht sie? Welches sind die wesentlichen Zukunftsthemen? Dem Röchling magazine gibt der neue Vorstandsvorsitzende auf diese und weitere Fragen Antwort – im gemeinsamen Gespräch mit Johannes Freiherr von Salmuth, dem Vorsitzenden der Aufsichtsgremien der Röchling-Gruppe. Vorstand und Beirat verantworten im engen Austausch die strategischen Weichenstellungen der Unternehmensgruppe und der hinter ihr stehenden Unternehmerfamilie.

Herr Professor Knaebel, wie haben Sie die Röchling-Gruppe in den ersten Monaten Ihrer Tätigkeit für das Unternehmen wahrgenommen?
Knaebel: Engagement, Know-how und Teamgeist sind vermutlich die drei Begriffe, die meine Erfahrungen aus den ersten Monaten am besten umschreiben. Der Einsatz, den jeder Mitarbeiter für das Unternehmen bringt, ist bewundernswert. Immer wieder stelle ich fest, wie kenntnisreich und detailliert das Wissen der Mitarbeiter um den Werkstoff Kunststoff und seine verschiedenen Anwendungen ist. Darüber hinaus habe ich einen sehr positiven und guten Geist im Unternehmen gespürt und den Willen zusammenzuarbeiten.

Herr von Salmuth, welche Rolle hat für Sie als Röchling-Familienmitglied in sechster Generation die Tatsache gespielt, dass der neue Röchling-Chef zuvor bei einem Familienunternehmen gearbeitet hat und selbst aus einer Unternehmerfamilie stammt?
Salmuth: Eine sehr große! Mir war es wichtig zu wissen, dass Professor Knaebel unseren Wertekanon teilt und darüber hinaus die Vorzüge, aber auch die sensiblen Bereiche eines Fa­mi­lie­nunternehmens schätzt beziehungsweise einzuschätzen weiß. Noch wichtiger war für mich allerdings, dass er bereits viele Jahre als gestandener CEO tätig war und neben seiner Medizinexpertise viel Erfahrung mit digitalen Transfor­mationsprozessen mit in unsere Gruppe einbringt.

Knaebel: Herkunft alleine ist ja noch kein Erfolgsgeheimnis. Allerdings ist es, vermute ich, doch hilfreich, wenn man aus einem Familienunternehmen kommt, Familienunternehmen kennt und auch deren Vorzüge und kleine Herausforderungen versteht. Viel wichtiger ist allerdings, dass man sich der Verantwortung bewusst ist, die einem übertragen wird, und dass man mit dieser Verantwortung sorgsam umgeht. Daher geht es in einer Führungsposition, insbesondere in einem Familienunternehmen, immer um Verantwortung und nicht um Macht.

„Gegenseitiges Vertrauen
ist zentraler Bestandteil
meiner Arbeitsphilosophie.“
Prof. Hanns-Peter Knaebel
President & CEO Röchling Group

Das Thema Verantwortung spielt auch beim Röchling Enkel Award eine zentrale Rolle. Der Preis wurde im Jahr 2017 erstmals verliehen. Weshalb ist Ihnen das Thema Verantwortung wichtig?
Salmuth: Wir wollen unser Unternehmen nicht nur wirtschaftlich erfolgreich führen, sondern auch gesellschaftlich verantwortlich agieren. Unternehmen sind Akteure, die mit der Gesellschaft in einer engen Wechselbeziehung stehen. Entwickelt sich eine Seite positiv, profitiert auch die andere. Als Familienunternehmen planen wir in Generationen, nicht in Jahren und schon gar nicht in Quartalen. Verantwortlich handeln heißt für uns, heute das zu tun, was für unsere Kinder und Enkel in der Zukunft optimal ist. Für diese Zukunftsfähigkeit tragen wir Verantwortung. Mit dem Enkel Award zeichnen wir Mitarbeiter aus, die Projekte mit einem solchen „generationsübergreifenden Verantwortungs­horizont“ entwickeln.

Was ist Ihnen, Herr Professor Knaebel, im Umgang mit Ihren Vorstandskollegen und den Mitarbeitern wichtig? Welchen Führungsstil pflegen Sie?
Knaebel: Gegenseitiges Vertrauen ist zentraler Bestandteil meiner Arbeitsphilosophie. Seit vielen Jahren bin ich ein überzeugter Anhänger eines wertschätzenden und respektvollen Umgangs. Darüber hinaus halte ich Partizipation für ein zentrales Erfolgsgeheimnis. Denn warum sollte ich auf die vielfältigen Erfahrungen und Kenntnisse der Mitarbeiter verzichten? Allerdings kommt man immer an einen Punkt, wo jede Diskussion in eine Entscheidung münden sollte, und hier ist natürlich Entscheidungsfreude relevant, gepaart mit etwas unternehmerischem Mut. Wenn ich den Mitarbeitern an dieser Stelle helfen kann, dann mache ich das gerne.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage und die Herausforderungen für die drei Röchling-Unternehmensbereiche Industrial, Automotive und Medical?
Knaebel: Die tiefgreifendsten Veränderungen stehen sicherlich im Bereich Automotive an. Der Mobilitätsbegriff wird, auch vor dem Hintergrund alternativer Antriebslösungen, völlig neu definiert werden. Unsere Technologiestärke, unsere klare Fokussierung auf bestimmte Produktsegmente und insbesondere unser Mut, Bestehendes in Frage zu stellen, werden uns hier zum Erfolg verhelfen.

Im Bereich Industrial ist vermutlich der Spagat zwischen traditionellen Produktlösungen, die auch noch in Jahrzehnten gefragt sein werden, und den modernen, teilweise digital erweiterten Produkt- und Servicelösungen die größte Herausforderung. Somit gilt es, die traditionellen Stärken zu bewahren und weiter zu pflegen, ohne die Lust auf Innovationen zu verlieren.

Im Bereich Medical haben wir aktuell sehr erfreuliche und vielfältige Kontakte in unterschiedlichste Branchen, von der Pharmaindustrie bis zur traditionellen feinmechanisch geprägten Medizintechnik. Da Röchling hier noch am Anfang einer Entwicklung steht, sind hier die Wachstumschancen mit am größten – auch wenn der Markt seine spezifischen Gesetze und regulatorischen Herausforderungen hat. Wir werden hier ebenfalls mit Know-how und Kenntnisreichtum bestehende Kunden stärker an uns binden und neue Kunden gewinnen. Insgesamt ist das Unternehmen exzellent aufgestellt und bietet unglaublich viele Möglichkeiten für zukünftiges Wachstum.

Der Ausbau des Bereichs Medical ist ein erklärtes Hauptziel der Röchling-Gruppe. Sie kommen genau aus diesem Bereich und sind Fachmann. Auf was wird es hier vor allen Dingen ankommen?
Knaebel: Die Zeiten, in denen Technologie und Technologiewille verkauft wurden, sind vorbei. Das bedeutet, dass wir uns stets sehr intensiv mit der eigentlichen Herausforderung im Behandlungsprozess beschäftigen müssen, um unsere Produktlösungen prozessverbessernd einbringen zu können. In der Medizin wird der Nutzenbegriff heute sehr intensiv diskutiert. Dabei muss man sich bewusst sein, dass der Nutzen eines Produktes oder einer Dienstleistung nicht automatisch nur dem Patienten zugutekommt, sondern beispielsweise auch dem Anwender, der Sicherheit eines Prozesses oder der Gesundheitswirtschaft ganz allgemein.

Die regulatorischen Barrieren sind in letzter Zeit, insbesondere im Bereich der Medizinprodukte, kontinuierlich erhöht worden. Das bedeutet für uns, dass wir intelligente Produktlösungen mit einem überzeugenden Zulassungskonzept an den Markt bringen müssen.

Wird sich die Strategie der Röchling-Gruppe verändern? Welche grundsätzlichen Pläne haben Sie für die Weiterentwicklung des Unternehmens?
Knaebel: Die strategische Ausrichtung der Röchling-Gruppe wird in den nächsten Jahren allenfalls modifiziert werden, sich aber nicht grundlegend ändern. Dies bedeutet, dass das organische Wachstum aller Unternehmensbereiche, punktuell ergänzt durch Akquisitionen, weitergetrieben wird. Alle Unternehmensbereiche werden – sich gegenseitig unterstützend – gut entwickeln können, wobei kein Unternehmensbereich, auch nicht der Bereich Medical, zu Lasten der anderen Bereiche vorangebracht werden soll. Ideen für organisches Wachstum und auch für Akquisitionen gibt es ausreichend, und daher freue ich mich auf die Zukunft.

Salmuth: Ich bin davon überzeugt, dass unsere grundsätzliche Röchling-Strategie richtig bleibt, mit unserer außergewöhnlichen Werkstoffkompetenz für Hochleistungskunststoffe möglichst viele und zukunftsträchtige Märkte zu erobern, insbesondere solche, die eine starke Konjunkturunabhängigkeit aufweisen. Von Professor Knaebel wünschen wir uns genau deshalb, dass er die Medizintechnik zur dritten starken Säule des Röchling-Hauses ausbaut, gleichzeitig aber auch die beiden anderen Bereiche verstärkt und ergänzt. Darüber hinaus wird es wesentlich sein, unsere Strategie ständig dem Prozess der digitalen Transformation anzupassen.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang ein professionelles Innovationsmanagement?
Knaebel: Innovationen sind nicht alles, aber ohne Innovationen ist alles nichts. Dies bedeutet, dass wir auch zukünftig Produktneuerungen konsequent und in der kürzest möglichen Zeit entwickeln müssen, denn die Innovationszyklen beschleunigen sich in allen Unternehmensbereichen. Eine weitere Facette des Innovationsmanagements wird dabei immer wichtiger: Es wird nicht mehr ausschließlich darauf ankommen, die 120-prozentige Lösung an den Markt zu bringen, sondern über verschiedene Entwicklungsstufen die Produkte kontinuierlich zu verbessern. Diese sogenannten Iterationsschritte sind wichtig, um schnell zu sein, und sie sind uns aus der digitalen Welt gut bekannt. Eine App auf Ihrem Smartphone wird auch kontinuierlich via Update verbessert. Dieses Vorgehen erfordert Mut und gutes Urteilsvermögen. Es gilt, stets funktionsfähige Produkte zu entwickeln, sich aber im Bemühen um Innovationen nicht im Detail zu verlieren.
Salmuth: Innovationsfähigkeit bedeutet Zukunfts- und damit „Enkelfähigkeit“. Schon darin begründet sich, dass Innovationsfähigkeit zentraler Baustein der Röchling-DNA ist. Die Geschichte von Röchling ist nebenbei eine der ständigen Neuerfindung. Und auch im operativen Geschäft sind wir stolz darauf, dass beispielsweise im Unternehmensbereich Industrial mehr als zehn Prozent des Umsatzes mit neuen innovativen Produkten gemacht wird. Im Automotive-Bereich wird diese Quote bis zum Jahr 2020 sogar auf mehr als 30 Prozent klettern.

Sie sprachen gerade die digitale Welt an. Was bedeutet digitale Transformation für die Röchling-Gruppe konkret?
Knaebel: Unsere digitale Strategie umfasst die vier großen Themenkomplexe digitale Produktion, digitale Administration, digitales Produkt- und Serviceportfolio sowie digitaler Vertrieb. Auf diesen vier Säulen ruht unsere digitale Aktivität. Die einzelnen Säulen wiederum bestehen aus unterschiedlichen Projekten in allen Unternehmensbereichen, mit denen wir die digitale Kompetenz der Röchling-Gruppe weiter erhöhen. Dies ist ein Prozess, der kontinuierlich läuft und allenfalls ein Anfangsdatum, aber kein Enddatum hat. Konkret wird es uns wichtig sein, mit allen unseren digitalen Aktivitäten die Effizienz zu erhöhen, die Effektivität, also die Wirksamkeit, zu verbessern und Nutzen für unsere Kunden zu stiften.

Salmuth: Ich sehe die Herausforderung vor allem darin, in neuen Dimensionen zu denken. Die junge Start-up-Generation entwickelt in ziemlich atemberaubender Geschwindigkeit bahnbrechende digitale Geschäftsmodelle und Technologien, die auch für unser Unternehmen extrem relevant sind. Wir sind hier definitiv gefordert, von den Arbeitsweisen und Erfolgsmethoden digitaler Spitzenreiter zu lernen. Denn an der digitalen Transformation kommt kein modernes Unternehmen vorbei. Sie ist eine Managementaufgabe, und die geht Röchling mit Offenheit, Kreativität und Elan an.

Herr Professor Knaebel, Sie arbeiten in Mannheim und leben in Konstanz. Wie lässt sich dies mit Ihrem Familienleben vereinbaren?
Knaebel: Vergleichen wir dies mit dem Innovationsprozess. Gemeinsam mit meiner Familie befinde ich mich gerade in einer Pilotphase, in der wir herausfinden, ob diese Lösung für die Familie erfolgreich ist. Da ich meine Frau in Heidelberg kennengelernt habe und wir dort geheiratet haben, haben wir eine hohe Affinität zur Rhein-Neckar-Region, wollen aber sicher sein, dass meine Präsenz und zeitliche Verfügbarkeit in Mannheim den Aufwand eines Umzugs mit vier Kindern von Konstanz in die Metropolregion auch rechtfertigt. Bisher haben wir noch ausreichend Qualitätszeit füreinander.

Johannes Freiherr von Salmuth (52) ist seit 2008 beziehungsweise 2011 Vorsitzender der Aufsichtsgremien der Röchling-Gruppe. Außerdem ist er im Vorstand der Aluminium-Werke Wutöschingen AG & Co. KG sowie Vizepräsident des Verbands „Die Familienunternehmen“. Der Diplom-Volkswirt ist verheiratet und hat vier Kinder.

Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel (49) ist seit Anfang des Jahres 2018 Vorsitzender des Vorstands der Röchling-Gruppe. Davor war er zehn Jahre lang im Vorstand der Aesculap AG, acht davon als Vorsitzender, sowie im Vorstand der Braun Melsungen AG. Der habilitierte Chirurg ist verheiratet und hat vier Kinder.

Photos © Martin Joppen, Frankfurt am Main