Keine Angst vor dem Unbekannten

Der Syrer Roudy Rasoul ist aus seiner Heimat nach Deutschland geflohen und macht nun eine Ausbildung bei Röchling

Jahrelanger Krieg, Angst um Leib und Leben, schlechte wirtschaft­liche Perspektiven – wie viele andere syrische Geflüchtete hat auch Roudy Rasoul seiner Heimat irgendwann den Rücken gekehrt. Eine schwierige Entscheidung. Sie erfordert eine Menge Mut, denn alles Vertraute wird zurückgelassen. Nicht nur die Flucht ist voller Unwägbarkeiten, auch das neue Leben ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten.

Deutschland war für Rasoul, so sagt er, schon lange Zeit vor Ausbruch des Krieges ein Sehnsuchtsziel. In Syrien hat „Made in Germany“ einen besonderen Klang, und das Thema Produktqualität faszinierte auch Rasoul. Vor zehn Jahren hatte er noch die Idee, Deutschland einfach mal zu besuchen, eigentlich ein Leichtes. Doch dann kam der Krieg, und der junge Mann gehörte zu denjenigen, die so bald wie möglich das Land verlassen wollten. Trotz Kindheitserinnerungen, trotz Schulausbildung, trotz Soziologiestudiums, trotz Eltern und Geschwistern.

Rasoul wurde im Nordosten Syriens geboren und hat kurdische Wurzeln. Bevor er sich zur Flucht entschloss, lebte er in der autonomen Region Kurdistan im Nord­irak. Einen eigenen, international anerkannten kurdischen Staat gibt es nicht. Das als Kurdistan bezeichnete Siedlungsgebiet erstreckt sich über Syrien, die Türkei, den Iran und Irak. In allen diesen Ländern sind die Kurden eine Minderheit. Das hat die Menschen geprägt und tut dies noch heute.

Die Flucht nach Europa besteht für Rasoul aus vielen Etappen. An der Ägäisküste im Westen der Türkei ist er mit drei jungen Männern verabredet, mit denen er gemeinsam fliehen will, darunter auch der Mann seiner Schwester. Viermal versuchen sie vergeblich, in einem Schlauchboot die sechs Seemeilen entfernte griechische Insel Lesbos zu erreichen. Entweder ist das Boot defekt oder der Wind dreht oder es taucht ein Polizeiboot auf, das die Flüchtlinge abfängt. „Beim fünften Mal war mir alles egal. Ich habe nicht mal mehr eine Schwimmweste angezogen“, sagt Rasoul, der nicht schwimmen kann.

Auf Lesbos kommt die kleine Gruppe in ein Flüchtlingsheim – so wie die circa 1.000 anderen Menschen, die in dieser Zeit täglich auf der griechischen Insel stranden. Nach der Registrierung durch die Polizei machen sich die jungen Männer mit der Fähre auf den Weg nach Athen. Anschließend geht es mit dem Zug nach Mazedonien, dann zu Fuß weiter durch Serbien. Sie verbringen mehrere Nächte in strömendem Regen, ohne Dach über dem Kopf, und erreichen dann die ungarische Grenze. Mit einem Taxi geht es nach Passau. Es ist der 25. August 2015 – ein Datum, das Rasoul nie vergessen wird.

Nach mehreren Monaten in einem Flüchtlingswohnheim in Bramsche kommt er nach Haren und lebt dort in einem Zimmer zusammen mit sechs weiteren Personen. Etwa zu dieser Zeit entsteht bei Röchling in Haren die Idee, jungen Geflüchteten zu helfen. Nach einem ersten Treffen der Röchling-Verantwortlichen mit Stadtvertretern und einer Gruppe von Flüchtlingen im Rathaus ist jedoch schnell klar, dass die Sprachbarriere ein gewaltiges Hindernis darstellt. „Roudy Rasoul ist uns damals zwar schon positiv aufgefallen, da er besonders aufgeweckt und interessiert war. Aber ohne Deutschkenntnisse ist eine duale Ausbildung nicht zu schaffen“, sagt Guido van Zoest, Leiter Personalentwicklung Unternehmensbereich Industrial.

Im Mai 2017 – nach mehreren erfolgreichen Deutschkursen – sieht die Sache dann schon besser aus. „Wir konnten vier jungen Flüchtlingen ein Praktikum anbieten. Zwei von ihnen haben danach bei uns eine Ausbildung angefangen“, berichtet van Zoest. Rasoul absolviert eine Ausbildung zum Industriekaufmann und hat vor allem durch seine Arbeit viele Kontakte zu Deutschen aufgebaut. „Wenn ich durch Haren laufe, treffe ich auf der Straße Leute, die ich kenne“, erzählt der 29-Jährige. Renate Telgenkämper, Personalreferentin Ausbildung bei Röchling in Haren, zeigt sich davon angetan, wie die Röchling-Mitarbeiter von Beginn an mit den beiden Azubis umgegangen seien. „Die Kollegen sind offen, hilfsbereit, zuvorkommend und nett“, so Telgenkämper – und das betont Rasoul ebenfalls. Auch auf private Feiern wird der Neuankömmling eingeladen. All das hat ihm das Einleben erheblich erleichtert: „Ich habe eine große Menschlichkeit und Offenheit kennengelernt und bisher gar keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Richtig wohl fühlt sich Rasoul, seit er in Haren eine eigene Wohnung hat. Vor einiger Zeit hat er auch seine Führerscheinprüfung auf Deutsch mit null Fehlerpunkten bestanden.

Mittlerweile ist Rasoul, der zu den 53 jungen Leuten gehört, die bei Röchling am Standort in Haren ihre Ausbildung absolvieren, im zweiten Ausbildungsjahr. Das Unternehmen engagiert sich sehr in der Ausbildung und holt auch externe Unterstützung ins Haus, wenn es bei den Flüchtlingen an bestimmten Stellen im Lehrstoff hakt. Ein Selbstläufer sei die Ausbildung nicht, doch Röchling und Rasoul haben ein gemeinsames Ziel: den erfolgreichen Ausbildungsabschluss. „Roudy ist ehrgeizig. Er hat deshalb gute Chancen“, sagt die Personalreferentin.

Großes Interesse an der Firmengeschichte
„Für alles, was Röchling für mich macht, bin ich extrem dankbar“, sagt der Azubi. So wie Deutschland in seinen Augen das beste Land der Welt ist, so ist Röchling für ihn die allerbeste Firma. Er freue sich jeden Morgen, zur Arbeit gehen zu können. An der fast 200-jährigen Geschichte des Familienunternehmens ist er äußerst interessiert und liest alles, was er dazu in die Finger bekommt. Sein Plan ist es, einmal das Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Saarland zu besuchen. Das stillgelegte Stahlwerk war fast 100 Jahre lang im Besitz von Röchling.

Mit den allermeisten Dingen in Deutschland kann sich Roudy Rasoul sehr gut anfreunden: Er geht gerne auf Schützenfeste, mag Rouladen, findet das Wetter „okay“ und schätzt die Arbeitseinstellung der Menschen. „Arbeit ist in Deutschland sehr wichtig, das gefällt mir gut. Denn es gibt einem eine Zukunftsperspektive.“ Nur die Bürokratie, die stört ihn sehr. Für alles müsse ein Antrag gestellt werden, und auf den Bescheid warte man Monate. Seine Ansicht dazu ist klar: „Vieles ist unnötig und verursacht vermeidbare Kosten.“ Mit dieser Meinung ist er in Deutschland sicher nicht allein. Auch insofern: Integration gelungen.