Den Mutigen gehört die Welt

Henry Klett von Röchling Medical Neuhaus lernt auf einer Himalaya-Tour die eigenen Grenzen kennen

Fitness trainiert, Klettern geübt, Schuhe eingelaufen, Schlafsäcke getestet, mit dem Bergführer getroffen, Route geplant: Zwölf Monate lang hat sich Henry Klett gemeinsam mit seiner Frau akribisch auf eine vierwöchige Trekkingtour durch die Bergwelt des Himalaya vorbereitet. Ein kalkuliertes Abenteuer, entschlossen und couragiert in Angriff genommen.

Sportlich war Henry Klett schon immer. Mit Skiern unter den Füßen ist er im schneesicheren Thüringer Wald groß geworden, Biathlon war und ist für ihn Herzensangelegenheit. Nach einer Lehre als Koch war Klett viele Jahre als hauptamtlicher Skilanglauftrainer in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Nachwuchsbereich tätig. Er hat DDR-Meister erfolgreich trainiert und war selbst einer. Nach der Wende arbeitete Klett zunächst als Lüftungsbauer und kam dann als Schlosser eines Subunternehmens zu Röchling Medical Neuhaus. Vor drei Jahren ergab sich die Möglichkeit, im Einkauf von Röchling Medical einzusteigen. Der 59-Jährige ergriff beherzt die Chance. Gemeinsam mit einem Kollegen betreibt er nun das Magazin und kümmert sich dabei vor allem um die Waren­annahme, die Warenausgabe und um Bestellungen.

Das bedeutet, den halben Tag am Computer zu sitzen. Da ist es klar, dass der Sportenthusiast einen Ausgleich braucht – Rennrad, Fitness-Center, Skilanglauf. Klett nimmt auch an Wettkämpfen teil, etwa am Engadiner Skimarathon. Die Berge der Schweizer Ostalpen, gekrönt vom 4.000 Meter hohen Piz Bernina, sind nicht zu verachten. Doch Henry Kletts Traum war es schon lange, einmal die höchsten Gipfel der Welt zu sehen. Aus diesem Traum wurde 2018 Wirklichkeit, nach einem Jahr straffem Training.

Im März geht es mit dem Flugzeug von Leipzig nach Kathmandu, von dort mit einem Bus über unbefestigte Straßen zehn Stunden nach Jiri im nepalesischen Himalaya­gebirge. In den folgenden 25 Tagen wird nur noch gelaufen – von subtropischen 30 Grad plus bis zu Minusgraden im Hochgebirge, 350 Kilometer, 25.000 Höhenmeter. So nähert sich die kleine ­Gruppe langsam dem Fuß des Mount ­Everest, dem höchsten Berg der Erde. Übernachtet wird in Lodges. An deren einzigem Ofen findet vieles gleichzeitig statt: aufwärmen, Kleidung trocknen, Essen kochen. Zieht man sich in die unbeheizten Zimmer auf sein Holzbett und in seinen Schlafsack zurück, dürfen eine Flasche mit heißem Wasser und eine Mütze nicht fehlen. Licht, warmes Wasser, Strom – Annehmlichkeiten aus einer anderen Welt.

Nepalesische Träger immer als Erste am Ziel
Beeindruckt ist Klett von den nepalesischen Trägern, die sich jeden Morgen das Reisegepäck der Bergwanderer auf den Rücken binden und immer als Erste am Tagesziel sind, trotz spärlicher Bekleidung und auch schon mal in Flip-Flops. „Die Menschen kommen mit einem Minimum dessen aus, was in unserem Leben Standard ist. Dabei sind sie immer freundlich, haben immer ein Lächeln auf den Lippen.“

Nach einem Tag des Akklimatisierens auf 4.300 Metern beginnt der Aufstieg auf den 5.350 Meter hoch gelegenen Khumbu-Pass. Bei Eis, Schnee und Kälte mehr als 1.000 Höhenmeter zurückzulegen, ist keine Kleinigkeit. „Da spricht man nicht mehr. Da fragt man sich bei jedem Atemzug, was man da oben eigentlich macht“, sagt Klett. Selbst für extrem gut trainierte Zeitgenossen wie ihn und seine Frau ist die Trekkingtour eine Grenzerfahrung. Der deutsche Guide, ein routinierter Bergsteiger, mit dem sich die Kletts in Vorbereitung der Reise einige Male getroffen hatten, gibt ihnen die notwendige Ruhe. Wenn es rechts und links steil hinunter geht, sind Besonnenheit und höchste Konzentration gefragt, selbst bei Erschöpfung. Ängstlich darf man nicht sein, aber auch nicht wagemutig. „Die Tour hat uns unsere Grenzen kennenlernen lassen, sie womöglich sogar ein wenig verschoben. In den Bergen haben wir gemerkt, was wir leisten können“, erzählt Klett. Die Anstrengungen werden täglich belohnt durch spektakuläre Ausblicke und überwältigende Momente.

Will man den Mount Everest im Sonnenuntergang sehen, ist großes Wetterglück vonnöten. Nach einer Übernachtung in der höchst gelegenen Lodge der Trekkingtour auf 5.200 Metern, in dünner Luft und bei eisiger Kälte, bricht die Gruppe am Nachmittag auf und steht zweieinhalb Stunden später und 450 Meter höher auf dem Kala Patthar, einem der beliebtesten Trekking-Gipfel des Himalaya. Das Glück, zur richtigen Zeit am rich­tigen Ort zu sein: ­schneebedeckte, gewaltige Berge, die von der untergehenden Sonne in ein rotes Licht getaucht werden. In der Dunkelheit, ausgepowert, mit Atemnot und weichen Knien kämpfend, geht es zurück zur Lodge. „Dieser Abstieg hat Geist und Körper noch einmal alles abverlangt“, erinnert sich Klett.

In den kommenden fünf Tagen folgt der Abstieg ins 2.600 Meter hoch gelegene Bergdorf Lukla. Ein 50 Jahre altes Dornier-Flugzeug, das auf der spektakulär kurzen Startbahn von Lukla abhebt, schaukelt die Passagiere wohlbehalten und bei großartiger Sicht über die Ausläufer des Himalayas nach Kathmandu. Eine unvergessliche Reise nähert sich ihrem Ende. „Sie hat alle meine Erwartungen in den Schatten gestellt“, sagt Klett. Den Mutigen gehört die Welt.

„Da spricht man nicht mehr. Da fragt man sich bei jedem Atemzug, was man da oben eigentlich macht.“

Henry Klett, Mitarbeiter von Röchling Medical in Neuhaus