„Sicher sind nur die Steuer und der Tod“

Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, über gefühltes und tatsächliches Risiko, die Furcht der Verbraucher vor vergifteten Lebensmitteln und die Sinnhaftigkeit von Tattoos

Herr Professor Hensel, Sie sind der Fachmann fürs Risiko. Was sagen Ihre Untersuchungen – welche Risiken beschäftigen die Menschen am meisten?
Da ergibt sich ein interessantes Bild. Wir haben am Bundesinstitut für Risikobewertung einen sozialwissenschaftlichen Fachbereich, der regelmäßig untersucht, wie es um die Wahrnehmung von Risiken in der Bevölkerung bestellt ist. Hier zeigt sich, dass viele Bundesbürger eine durchaus realistische Vorstellung haben. Unter den fünf größten genannten Risiken finden sich mit dem Rauchen, Alkohol und ungesunder oder falscher Ernährung regelmäßig drei wesentliche Gesundheitsgefahren.

Das ist doch schon mal ein sehr erfreuliches Ergebnis.
Ja, aber ganz anders sieht es aus, wenn man nach der Risikoeinschätzung bestimmter Gesundheits- und Verbraucherthemen fragt. Hier landen vergleichsweise geringe Risiken auf der Rangliste ganz vorn, wie etwa „Reste von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln“, „Mikroplastik in Lebensmitteln“ und „gentechnisch veränderte Lebensmittel“. Bedeutsame Themen wie „Lebensmittelhygiene zu Hause“ oder „Campylo­bacter in Lebensmitteln“ – immerhin der inzwischen häufigste Keim bei lebensmittelbedingten Infektionen – lösen dagegen wenig Sorge aus. Sagen wir es so: Die bedeutsamsten Lebensrisiken sind bekannt, bei einer Vielzahl von Gesundheits- und Verbraucherthemen gibt es allerdings eine große Kluft zwischen der Experten- und der Laieneinschätzung.

Wie nehmen Menschen eine Risikoeinschätzung eigentlich vor? Was berücksichtigen sie dabei?
Ein Risiko wird dann generell als für die Allgemeinheit weniger bedeutsam eingeschätzt, wenn man es selbst eingehen oder bleiben lassen kann. Wer raucht oder trinkt, ist eben selber schuld. Das heißt nicht, dass man nicht um die Gefahren wüsste. Aber es ist eben ein privates Problem. Völlig anders sieht es aus, wenn das Risiko als unausweichlich wahrgenommen wird. Dioxin im Hühnerei, Glyphosat im Bier, Mikroplastik im Wasser – da rebelliert die Verbraucherseele. Das Gefühl, vergiftet zu werden, weckt geradezu Urinstinkte. Viele reagieren auf entsprechende Berichte mit Misstrauen und Aggression, was durchaus nachvollziehbar ist. Es ist nicht verwunderlich, dass im Umfeld solcher Themen Verschwörungstheorien und Hassbotschaften kursieren.

Wie objektiv ist diese Einschätzung?
Objektivität ist bei diesem Thema kein Maßstab. Zum Schutz vor Gefahren ist der Mensch von der Evolution mit einem bestimmten Sensorium ausgestattet. In der modernen Welt versagt dieses Warnsystem allzu leicht. Die Furcht vor vergifteten und verdorbenen Lebensmitteln war in der Vergangenheit durchaus gut begründet. Heute, wo die Qualität unserer Nahrung besser denn je ist, ist dieses Misstrauen zwar immer noch – oder sogar mehr denn je – verbreitet, in der Regel jedoch grundlos. Dagegen schlägt unser innerer Wachhund nicht an, wenn wir zu viel Gänsekeule, Pommes oder Sahnetorte verdrücken. Eine unausgewogene und zu reichliche Ernährung kann krank machen, war aber in der Steinzeit kein Thema – da war jede Kalorie herzlich willkommen und kein Grund, Alarm zu schlagen.

„Unser Wachhund schlägt nicht an, wenn wir zu viel Gänsekeule, Pommes oder Sahnetorte verdrücken.“

Sollte man denn eher auf sein persönliches Gefühl vertrauen oder eher auf Daten, zum Beispiel bei der Fragestellung, ob Tätowierungen oder Glyphosat größere Gesundheitsrisiken bergen?
Bei solchen Entscheidungen geht es nicht nur um kalkulierte Risiken. Wer sich tätowieren lässt, hat dafür aus seiner Sicht gute Gründe. Vielleicht will er dem anderen Geschlecht imponieren und nimmt dafür das Piksen der Tätowiernadel und die Tinte in den Lymphknoten in Kauf. Das ist ein vergleichsweise kleines Problem, wenn man das Herz der Angebeteten mit einem kühnen Tattoo erobern kann. Tätowieren mag medizinisch unvernünftig sein, kann aber am Ende einen Zweck erfüllen. Andererseits: Wer Angst vor Chemie hat, wird sich aus Furcht vor Glyphosat vielleicht für Bio-Möhren oder Bio-Weintrauben entscheiden. Mit denen nimmt er jedoch ebenfalls Pflanzenschutzmittel auf, wenn auch keine synthetisch hergestellten. Der Nutzen ist hier also durchaus fraglich.

Kann man Risikokompetenz auch lernen?
Der moderne Lebensstil fordert uns. Egal, ob medizinische Behandlung, gesunde Ernährung, Geldanlage oder Wetterbericht – in unzähligen Bereichen unserer Existenz müssen wir Unsicherheiten in Betracht ziehen, Nutzen und Risiko abwägen. Deshalb ist Risikokompetenz so wichtig. Sie hilft uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist eine wesentliche Aufgabe unseres Bildungssystems, zumindest die Grundlagen der Risikoabschätzung zu vermitteln und so unserer Intuition einen wichtigen Helfer zur Seite zu stellen.

„Wer sich tätowieren lässt, hat dafür aus seiner Sicht gute Gründe. Vielleicht will er dem anderen Geschlecht imponieren und nimmt dafür das Piksen der Tätowiernadel und die Tinte in den Lymphknoten in Kauf.“

Wann fühlen sich Menschen besonders unsicher?
Wie schon angedeutet immer dann, wenn ein Risiko unausweichlich erscheint – eine in vielen Lebensmitteln, im Wasser oder in der Luft lauernde Gefahr etwa. Der zweite Faktor ist eine weitgehende Ungewissheit. Wenn das Risiko nebulös ist, schießen Spekulationen ins Kraut. Erinnern Sie sich noch an den „Rinderwahnsinn“ BSE? In der Anfangszeit hatte die Wissenschaft große Probleme, die Größe des Risikos für den Menschen zu benennen. Von einigen wenigen bis zu Zehntausenden von Todesfällen reichten „seriöse“ Schätzungen. Bei solchen Spannweiten brauchte man sich nicht zu wundern, wenn Verbraucher panisch wurden.

Gibt es überhaupt ein Nullrisiko?
Sicher sind bekanntlich nur die Steuern und der Tod, und die sind nicht besonders erstrebenswert. In allen anderen Lebenslagen müssen wir mit Ungewissheiten und damit auch mit mehr oder weniger großen Risiken umgehen. Daraus folgt, dass es ein Nullrisiko nicht gibt. Zugespitzt gesagt: Der Glaube an absolute Sicherheit ist schon wieder ein eigenes Risiko, weil er uns unzähliger Möglichkeiten beraubt. So jemand geht nicht mehr aus dem Haus, weil er Angst hat, von einem herunterfallenden Ziegelstein getroffen zu werden.

„Der moderne Lebensstil fordert uns. Egal, ob medizinische Behandlung, gesunde Ernährung, Geldanlage oder Wetterbericht – in unzähligen Bereichen unserer Existenz müssen wir Unsicherheiten in Betracht ziehen, Nutzen und Risiken abwägen.“

Ihrer Erfahrung nach: Denken die meisten Menschen bei „Risiko“ in erster Linie an die Gefahren oder an die Chancen?
Oft gerät in Vergessenheit, dass, wer ein Risiko eingeht, sich davon in der Regel einen Nutzen verspricht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Es gibt also einen verborgenen, durchaus positiven, ja sogar verlockenden Unterton, der hier mitschwingt. Dennoch, in unserer auf Absicherung bedachten Gesellschaft wird ein Risiko meist als eine eher bedenkliche Angelegenheit bewertet.

Fachmann fürs Risiko

Er weiß, wo die wirklichen Gefahren lauern: Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel ist seit dem Jahr 2003 Präsident des Bundesinstituts für Risiko­bewertung (BfR) in Berlin. Das BfR erarbeitet Gutachten zur Lebens- und Futtermittelsicherheit sowie zur Sicherheit von Chemikalien und Produkten und berät die Bundes­regierung in Fragen der Gesundheit. Hensel ist Veterinärmediziner, Mikrobiologe und Hygieniker und war viele Jahre Hochschullehrer an den Universitäten Wien und Leipzig. Für den 58-Jährigen steht fest: Zwischen dem gefühlten und dem tatsächlichen Risiko liegen Welten.