Mut zum entschlossenen Wandel

„Bedachtes Draufgängertum, gepaart mit einem hohen Grad an Durchsetzungsvermögen“ – so charakterisiert Charlotte Sophie Röchling Mitte des 19. Jahrhunderts ihren damals noch jungen Sohn Carl in einem Brief. Schon kurze Zeit später, noch vor seinem 30. Lebensjahr, lenkt Carl Röchling zusammen mit seinen Brüdern Theodor, Ernst und Fritz das Unternehmen und heißt im Volksmund bald „Carl der Kühne“. Die Brüder Röchling, Neffen des Firmengründers, zeichnet das aus, was Familienunternehmer erfolgreich macht: Mit unternehmerischem Mut, einer Strategie der klugen Risiko­abwägung und langfristigem Denken sorgen sie für den erfolgreichen Fortbestand ihrer Firmen. Zukunftsfähigkeit hat für sie stets oberste Priorität.

Gerade Familienunternehmen, die über Generationen denken, sind häufig Vorreiter in ihrem Metier. Das gilt auch für die im Jahr 1822 von Friedrich Ludwig Röchling gegründete Kohlehandlung in Völklingen, die sich in knapp zwei Jahrhunderten zu einer weltweit tätigen Kunststoffgruppe entwickelt hat. Schon der Firmengründer erschloss von Saarbrücken aus bald neue Absatzgebiete – abwärts der Mosel bis in den Raum Koblenz, über den Rhein bis nach Frankfurt. Auch Lothringen wurde ein wichtiger Markt. Röchling hat also bereits damals die engen geografischen Grenzen verlassen, die Zeichen der Zeit erkannt und sich unter Abwägung aller Risiken erfolgreich in neuen Regionen aufgestellt. Das ist eine Tradition, die auch heute konsequent fortgeführt wird.

Das Motto der Röchlings: mit innovativen Werkstoffen neue Märkte und Regionen erobern und dabei mutig die sich bietenden Chancen nutzen. Der Kohlehandel diente den Röchlings als Grundlage, um den aufsteigenden Innovationsträger der industriellen Revolution in den Blick zu nehmen: Stahl. Er markiert den zweiten großen Abschnitt in der Röchling-Geschichte. Die vier Neffen des Firmengründers, die Brüder Röchling, starten 1849 zunächst mit der Koksproduktion und der industriellen Eisenverarbeitung. Der Eintritt in die Stahlära datiert auf den Erwerb der Völklinger Eisenwerke 1881, die gut ein Jahrhundert später das weltweit erste industrielle Weltkulturerbe der UNESCO werden sollte.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist geprägt von den beiden Weltkriegen, die auch für Röchling schwerwiegende Folgen haben: Die politische Isolation Deutschlands, die Beschlagnahme des Firmenbesitzes und Enteignungen sowie schlechte wirtschaftliche Rahmenbedingungen stürzen das Unternehmen in eine schwere Krise. Gerade in solch unsicheren Zeiten, wenn sich die Welt wandelt und man auch als Unternehmen nicht weitermachen kann wie bisher, braucht es Mut zur Veränderung. Den hat Röchling: Bereits 1920, knapp 100 Jahre nach Firmengründung, erkennt man erstmals das Potenzial eines neuen Werkstoffs und steigt als Pionier in die Kunststoffverarbeitung ein. Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Stahl zu reduzieren. In dieser Zeit prägt bereits die dritte Generation der Röchlings das Unternehmen. Auch sie hat die Fähigkeit zu erkennen, wo die großen Chancen liegen, und den Mut, sie zu nutzen. Sie ist offen für die Anwendung neuer Verfahren in den Röchling-Betrieben und entwickelt selbst bahnbrechende technische Neuerungen oder ist an deren Entwicklung maßgeblich beteiligt.

Investitionen außerhalb des Saarlands
Um den Familienbetrieb zu sichern, beschließt die Familie Röchling Anfang der 1950er-Jahre, sich neben dem Kunststoff auch nach weiteren Investitionsmöglichkeiten außerhalb des Saarlands umzuschauen. So erwirbt man 1956 von der Bundesregierung eine Mehrheitsbeteiligung an der Rheinmetall AG, einem Ausrüster der neugegründeten Bundeswehr, die fast 50 Jahre im Familienbesitz bleiben wird. Die weltweite Stahlkrise, die bei Röchling zu einer bedrohlichen Talfahrt und erheblichen Verlusten führt, veranlasst die Familie schließlich zu einer grundsätzlichen strategischen Neuausrichtung: 1978 trennt sich Röchling endgültig von der Völklinger Hütte und verabschiedet sich damit von der Montanindustrie und der industriellen Heimat, dem Saarland. Der Schritt zeigt: Nicht nur Halten, auch Loslassen gehört zu einer mutigen, vorausschauenden Unternehmensführung.

Damit ist die dritte Phase in der Unternehmensgeschichte eingeleitet: Der Umbau zum Mischkonzern und der Vorstoß in neue Geschäftsfelder beginnt. Die Präsenz auf verschiedenen Märkten mit hochwertigen Produkten soll das Unternehmen vor den Auswirkungen konjunktureller Schwankungen schützen. Auf diesem Weg beginnt neben dem Einstieg in verschiedenste neue Branchen auch seit 1982 der nachhaltige Ausbau der bestehenden Werkstoffkompetenz für Hochleistungskunststoffe. Dieses Geschäft wächst ab den 1980er-Jahren durch zahlreiche Akquisitionen in Deutschland, Österreich, Italien, den USA und Aktivitäten in Singapur und später in China.

Am Ende der Diversifizierungsphase ist die Röchling-Gruppe in völlig unterschiedlichen Bereichen tätig: Neben der Kunststoffverarbeitung sind dies die Kommunikationstechnik, Energie- und Prozessautomation, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik, Stahlverarbeitung, Getriebeentwicklung, Maschinenbau sowie Automobil- und Wehrtechnik. Für die Röchling-Gruppe erweist sich die Unübersichtlichkeit eines Mischkonzerns als falscher Weg. In dieser Situation beweist die Familie ein weiteres Mal die Kraft und den Mut zu einem entschlossenen Wandel – Röchling besinnt sich zurück auf seine Traditionstugend der Werkstoffkompetenz und leitet im Jahr 2001 die Wende vom Mischkonzern zur spezialisierten internationalen Kunststoffgruppe ein. Bis 2006 trennt man sich von allen Beteiligungen ohne Kunststoffbezug.

Gezielte Akquisitionen in neuen Märkten
Die verbleibende, nun fokussierte neue Röchling-Kunststoffgruppe setzt seit dem Millenniumswechsel vor allem auf internes Wachstum durch Diversifikation des bestehenden Know-hows in verschiedenste neue Branchen sowie auf gezielte Akquisitionen in neuen Märkten, wie etwa dem der Automobilkunststoffe und ab 2008 der Medizintechnik. Darüber hinaus wird die Präsenz in internationalen Märkten, insbesondere in Asien und den USA, stark vorangetrieben. Damit rückt die Gruppe wieder ihr einzigartiges Werkstoff- und Verarbeitungs-Know-how, das sie sich im Lauf von zwei Jahrhunderten erarbeitet hat, in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten.

Kunststoffprodukte von Röchling sind im 21. Jahrhundert Innovationsträger in allen Industrien – so wie es zwei Jahrhunderte zuvor die Anwendungen aus Röchling-Stahl waren. Die Röchling-Gruppe ist heute der weltweit führende Verarbeiter technischer Hochleistungskunststoffe für fast alle Bereiche der Investitionsgüterindustrie, für die Automobilindustrie und die Medizintechnik.

Die Familie Röchling – Kontinuität im Wandel

Verantwortungsvoll, dem langfristigen und nachhaltigen Erfolg verpflichtet, werteorientiert und im richtigen Moment mutig: Diese Eigenschaften bestimmen das Denken und Handeln familien­geführter Unternehmen. Sie zeichnen auch die Familie Röchling aus. Deren Spuren reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, und die Familienmitglieder sind heute in achter Generation Gesellschafter des Unternehmens. Die Röchlings haben sich dabei stets als „Fami­lienunternehmer“ verstanden. Unerheblich war, ob sie das Unternehmen operativ führten oder – wie heute – die strategischen Weichen der internationalen Gruppe über die Aufsichtsgremien stellen.

Über fast zwei Jahrhunderte begleitet die Familie ihr Unternehmen auf dem ereignisreichen Weg vom Stahlproduzenten zur weltweit agierenden Kunststoffgruppe eng. In guten, aber auch in schwierigen Zeiten zeigt sie Kontinuität und Mut im Wandel – und hilft so, den Erhalt und den Erfolg der Röchling-Gruppe langfristig zu sichern.

Röchling Enkel Award

Als Familienunternehmen liegt Röchling das Thema Zukunftsfähigkeit besonders am Herzen. Deshalb verleihen wir den Röchling Enkel Award, der das Wertegerüst der Gruppe und der Röchling-Familie in den Mittelpunkt rückt. Mit ihm werden besonderes ­Engagement und vorbildliche, beherzte Projekte von Röchling-Mitarbeitern gewürdigt, die die langfristige Zukunftsfähigkeit des Unternehmens stärken.

Röchling ist es wichtig, nicht nur wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sondern auch gesellschaftlich verantwortlich zu agieren. Ein solches Wirken der Mitarbeiter im und aus dem Unternehmen heraus wird mit dem Enkel Award entsprechend honoriert. Er zeichnet eine herausragende Leistung aus, von der das gesamte Unternehmen langfristig profitiert – über die Grenzen von Standorten und Unternehmensbereichen hinweg.

„Für uns zählen nicht nur das eigene kurzfristige Interesse, sondern immer das langfristige Wohl der weltweit agierenden Röchling-Gruppe und damit das Wohl nachfolgender Generationen von Mitarbeitern und Gesellschaftern“, so Johannes Freiherr von Salmuth, Vorsitzender der Aufsichtsgremien und Nachkomme in sechster Generation. Aus diesem Grund heißt der Preis „Enkel Award“.